Großroller bewegen sich meist in der Preisklasse von ausgewachsenen Big Bikes. Piaggio zeigt, dass es auch anders geht.

Fernreisetaugliche Roller entwickeln sich immer mehr zu einem Trend, der sogar ausgewachsene Motorradfirmen wie etwa BMW dazu bringt, sich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen. Was Wunder, wenn auch die alteingesessenen Scooter Produzenten auch in dieser sich rasch entwickelnden Oberklasse präsent sein wollen. Piaggio hatte schon zur Jahrtausendwende mit dem X 9 ein derartiges eisen im Feuer, nun buhlt der Nachfolger X 10 um die Gunst der Kunden. Nach dem 350er wurde schnell eine Halbliter Version in die Schaufenster der Händler gestellt. Optisch entspricht sie der kleinen Schwester, technisch hat sich einiges geändert. Der Motor natürlich, der aber nach wie vor ein einzyli9nder ist, sowie die hintere Radaufhängung. Sie besteht nicht aus Stereodämpfern, sondern aus einem liegenden Zentralfederbein, das über zwei Schubstangen an der Schwinge angelenkt wird. Das funktioniert bestens, zudem ist die Vorspannung des Zentralfederbeins bequem vom Cockpit aus in vier Stufen verstellbar. Das funktioniert auch in der Praxis ausgezeichnet, das Fahrwerk ist ausgewogen und für einen Roller seht verwindungssteif. Aufgrund des langen Radstandes ist keine nervöse Wendigkeit zu erwarten, trotzdem lässt sich der X10 auch bei langsamer Fahrt recht präzise beherrschen. Wie ernst es den Technikern war, ein gutes Fahrwerk auf die Räder zu stellen sieht man schon an der Telegabel mit satten 41 mm Standrohrdurchmesser. Die sind eigentlich ausgewachsene Motorrad- Dimensionen.

Lob kommt eigentlich auch vom Triebwerk. Auch wenn es natürlich nicht ganz so geschmeidig wie ein Zweizylinder zu Werke geht, so sind die Lebenszeichen doch zivilisiert. Die Leistung von 41 PS reicht problemlos aus, um auch auf der Autobahn bei einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 150 km/h mit den LKWs raufen zu müssen. Ein Highlight ist die Bremsanlage mit Integral ABS, sie lässt sich sehrt gut dosieren und die elektronischen Helferleins setzen erst dann ein, wenn man sie wirklich braucht. Es gibt auch ein Antischlupfsystem, das bei Bedarf deaktiviert werden kann.

Das Platzangebot für die Besatzung entspricht den Bedürfnissen eines Großrollers, sowohl Fahrer als auch Beifahrer finden ausgezeichnete Verhältnisse vor. Lediglich die hinteren, ins Trittbrett integrierten Rasten schlagen beim Schieben des Fahrzeuges lästig ans Schienbein. Sehr viel hat man in die Ausstattung investiert, die teilweise die der Konkurrenten jenseits der 10.000 Euro Grenze übertrifft. Das beginnt bei der elektrischen Betätigung der klappbaren Sitzbank und des Tankdeckels und endet noch lange nicht beim Info- Display das von der Glatteiswarnung bis hin zum aktuellen Stand der Batteriespannung teilweise mehr zu bieten hat wie das eines Mittelklasse Coupes. Für verspielte Naturen gibt es noch eine Smartphone App, das sich mit dem Roller verbindet und noch mehr an Infos parat hat. Preislich ist der X10 mit knapp 8.500 Euro kein Sondernagebot, doch er liegt immer noch deutlich unter der Konkurrenz.